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Als Gegenstück
zu Gerhards Traurigkeit von mir ein paar Worte zur Verzweiflung -
wäre schön, wenn sie selbst die erfrorene ennie ein wenig antauen
könnten!
ringelnatz
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Verzweiflung
Der Jüngling Ödipus erfährt sein Schicksal : Er wird seinen Vater
töten, mit der Mutter schlafen.
Entsetzt verläßt er das Elternhaus und schafft sich in der Fremde
eine neue Existenz. Trotzdem läuft Ödipus dem Schicksal, vor dem
er floh, in die Arme : er tötet seine Vater und schläft mit der
Mutter.
Plötzlich wird ihm klar, daß er sich nie verändert hat. Er weiß,
daß er nur scheinbar geflohen ist; daß er alle Kraft aufgewendet
hat, um die Situation herzustellen, die seinen ureigenen Konflikt
widerspiegelt. Ihm wird bewußt, daß er sein ganzes bisheriges
Leben nur im Kreis gelaufen ist und nichts getan hat, um sich ein
wirklich erneuertes Leben zu schaffen.
Ödipus hat bisher souverän agiert. Jetzt bricht alles in ihm
zusammen. Er schaut der Wahrheit in die Augen und blendet sich, da
er erkannt hat, daß es außerhalb seiner selbst keine Erlösung
gibt.
Sich damit abzufinden, daß es eine Konstellation gibt, der er
nicht entgeht, kommt für Ödipus nicht in Frage. Er versteht sich
nicht als Wiederkäuer. Dafür wird er später sogar mit seiner
Vergöttlichung belohnt.
Denn die meisten richten sich heimlich ein in ihrem Unglück. Sie
konfrontieren sich selbst nur mit Bekanntem und womit sie bereits
umzugehen gelernt haben (wenn es noch so weh tut). Daß sie ein
bestimmtes Schicksal haben, gibt ihnen ein Gefühl der Einheit.
Damit klammern sie die Verzweiflung aus und die Liebe.
Wir kennen den Zustand der Verzweiflung nicht nur von uns selbst.
Es kommen uns viele Verzweifelte entgegen, sprechen uns an in
ihrer Verzweiflung.
Der Verzweifelte hat einen Schlag erhalten, den er noch nie
erhalten hat. Er ist darauf nicht vorbereitet und hat nichts zur
Verfügung, um mit ihm fertigzuwerden. Wir sehen ihn in die Knie
gehen. Er ist soweit am Boden, daß er keine Scheu mehr hat, sich
zu demütigen. Mancher Verzweifelte drängt sich schamlos auf,
erzählt schamlos weinend von seiner Verzweiflung.
Der Verzweifelte fällt aus der Einheit seiner bisherigen Existenz
heraus. Er hat etwas Neues, Schlimmes erlebt, findet aber in sich
keinen Platz dafür. Es sammelt sich expansiv in den Bruchstellen
seiner Existenz. Er fühlt sich vom Zerreißen bedroht und hat den
Drang, sein Unglück loszuwerden. Deswegen wendet er sich an uns,
aber nicht, um Rat zu erhalten. Es tut ihm gut, wenn wir einfach
zuhören.
Der Verzweifelte ist in Bewegung. er greift in den Raum aus und
erscheint uns dabei nicht zu bändigen. Die typische Szene der
Verzweiflung : Die Arme zum Himmel emporstrecken, Gott anschreien
gottverlassen. Der Verzweifelte versteht sein Unglück nicht (kann
es auch gar nicht verstehen) und klagt an. Wir wünschen ihm, daß
er einen Abnehmer seines Unglücks findet. Sonst wird er sich
selbst entzweien, um abladen zu können. Einsame Verzweifelte
führen Selbstgespräche, schluchzend auf dem Bett ausgestreckt.
Manche beißen sich in die Hand, reißen sich an den Haaren.
Wenn wir ihnen Aufmerksamkeit schenken, fällt uns bald auf, daß
sie ganz Gegenwart sind. Im Vergleich zu seinem Unglück erscheint
ihm alles bedeutungslos. Es hat keinen Zweck, ihn damit trösten zu
wollen, daß man ihm seinen eigenen Kummer offenbart. Er wird gar
nicht zuhören. Auch Hoffnungen, die er sich machen darf, nützen
ihm nicht. Sie haben nichts mit seinem Jetzt zu tun, auf das er
voll konzentriert ist, ein Punkt, der zu zerspringen droht.
Verzweiflung dauert so lange, bis dem Unglück, das sie ausgelöst
hat, ein Platz zugewiesen ist. Dann sagen wir, jemand sei mit
etwas fertiggeworden.
Sie ist eine Erregung, die sehr lange andauern kann und
kräfteraubend ist. So wenig der Verzweifelte auch für Trost
zugänglich ist, wir wollen ihn versuchen: In der Verzweiflung hast
Du etwas Neues kennengelernt, Schmerzhaftes zwar, aber
Bereicherndes.
Sei stolz, daß Du dich nicht nur im Kreis drehst oder in Spiralen.
Bedenke, daß Verzweiflung mit Liebe großmütterlich verwandt ist,
daß zur Liebe nur fähig ist, wer zur Verzweiflung fähig ist.
Freue Dich, daß Du glücklich werden kannst.
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Beitrag von
ringelnatz |
ältere Nachrichten stehen weiter unten - aktuellere oben
| 28 Apr 2008 - 14:30:18
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Beitrag von
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| 13 Jul 2002 - 5:55:41
mir gefällt, der wechsel im text von der geschichte ödipus' zu allgemeineren aussagen. clever gemacht!
Beitrag von
kern
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| 25 Mar 2002 - 13:01:48
:) Dankeschön, ringelnatz, das hilft mir ein wenig, eine sich anbahnende Katastrophe zu ertragen. Wenigstens weiß ich, dass ich zu großen Gefühlen fähig bin, auch wenn ich manchmal vor lauter Schmerz vollkommen autistisch werde.Hamadryade
Beitrag von
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| 03 Mar 2002 - 18:29:13
ja wie?
Beitrag von
Peter
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| 24 Feb 2002 - 1:56:17
Schoener Beitrag. Ich wuerde allerdings von Verzweiflung als einer allgemeinmenschliche n Erfahrung sprechen (vielleicht sogar in der "ich"-Form ) und nicht als waere es ein psychomedizinischer Krankheitszustand.
Beitrag von
kuli
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| 14 Feb 2002 - 21:15:55
verzweifelnd
Beitrag von
qoX
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| 01 Feb 2002 - 21:42:23
was soll ich dazu sagen lieber ringelnatz?
Beitrag von
ennie
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